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Mit 72 noch auf der Schulbank: Lesen und Schreiben lernen als zweite Chance

Bildungsminister besucht Budenheime Lerncafé

Leni hat es endlich geschafft:  In einem Alphabetisierungskurs hat sie Lesen und Schreiben gelernt und sich damit ein tiefes Bedürfnis erfüllt - im Alter von 72 Jahren. Zwei Mal die Woche drückt sie die Schulbank. Eine Leistung, auf die sie sehr stolz ist.

Auf seiner Sommerreise machte  Prof. Konrad Wolf, rheinland-pfälzischer Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur  im Lerncafé in Budenheim Station. In dem Kooperationsprojekt, an dem auch die Kreisvolkshochschule (KVHS) Mainz-Bingen beteiligt ist, kann seit März ohne Druck, ohne starren Lehrplan und ohne Kosten Lesen und Schreiben gelernt  werden. Der Minister bekam dabei einen Einblick von der  Bildungsarbeit mit Menschen, die einen Grundbildungsbedarf haben. Er hörte Lernenden zu, die von ihren Lernerfahrungen und Grenzen berichteten.

Besonders Leni (Name geändert) beschrieb sehr bewegend ihre Schulbiografie: Eine nicht erkannte Schwerhörigkeit in ihrer Kindheit und die Hilflosigkeit ihrer Eltern machte die Mitarbeit und damit den Wissenserwerb in der Schule für sie unmöglich: „Meine Eltern haben nicht gewusst, was mit mir los ist und haben mich auf die Sonderschule geschickt.“ Folge war, dass sie Lesen und Schreiben nie richtig beherrschte und sich dafür zeitlebens schämte.

Mit diesem unverschuldeten Schicksal ist Leni aber nicht allein. Über 7,5 Mio. Erwachsene in Deutschland können nicht oder nur sehr fehlerhaft lesen und schreiben. Viele verstehen Texte nur, wenn sie in Leichter Sprache verfasst wurden. Die Hintergründe sind vielfältig, nicht selten spielen negative Lernerfahrungen eine Rolle. Häufig fehlt im beruflichen Kontext die Anwendung.

Aber anfangen kann man immer!

Die Dekade der Alphabetisierung (2016 bis 2026) soll die Basis dazu bilden, dass sich die Situation in Deutschland massiv verändert. Unter der Trägerschaft von Arbeit und Leben sind in Rheinland-Pfalz zum Beispiel vier Koordinatoren und Koordinatorinnen im Projekt „Kompetenznetzwerk Grundbildung und Alphabetisierung Rheinland-Pfalz“ damit beschäftigt, Multiplikatoren und Erwachsenenbildungsträger zusammen zu bringen. Dabei sollen passgenaue Grundbildungsangebote geschaffen werden. Über die Kreisvolkshochschule Mainz-Bingen sensibilisiert Dr. Heike Schiener  rheinhessische Verwaltungen, Arbeitsagenturen und Jobcentern, Kitas oder Bibliotheken für das Thema. Öffentlichkeitsarbeit soll dazu beitragen, das Thema Analphabetismus in der Gesellschaft zu enttabuisieren und die Möglichkeiten zu Hilfen bekannt zu machen. Gerade  die  Lerncafés  mit Lernangeboten, die sich am Bedarf orientieren, sollen Ängste vor  einem „Lern-Neuanfang“ abbauen.  

Finanziert wird das Projekt über den Europäischen Sozialfond  und das Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur. Kooperationspartner sind der Verband der Volkshochschulen, die Landesarbeitsgemeinschaft anderes lernen sowie die Katholische Erwachsenenbildung RLP.

Weitere Infos finden Sie unter www.grubinetz.de oder 06132-787 7106



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